Ranzwi vs. Kornwulf (KW 62)

Bevor sie Ranzwi jedoch wegbringen konnten, wachte dieser auf, sah seinen Vater und Alfried, durchschaute die Lage und protestierte.

Gebt mir noch eine Chance mich zu beweisen, Heerzug“, flehte er Alfried an. „Ich kann kämpfen.“

Alfried sah ihn an und überlegte lange. Dann schritt er auf den nächsten Krieger, nahm ihn dessen Speer weg und reichte ihn Ranzwi. Mühsam richtete sich dieser auf und nahm die Waffe.

Ich weiß nicht, wo du Ranzwi gelassen hast, denn du scheinst dich seinerbemächtigt zu haben, Kornwulf. Nimm also diesen Speer und schließe dich deiner Gruppe für den Kampf an.“

Als er bemerkte, dass Ranzwi an sich herunter sah, merkte er noch an: „Willst du kämpfen oder dich um dein Äußeres kümmern? Es ist keine Zeit neue Sachen zu holen. Jetzt geh!“

Ranzwi warf einen letzten Blick zu seinem Vater, in dessen Gesicht Kummer zu erkennen war. Alfried hatte ihn demütigen wollen und Ranzwi hatte ihm nun eine gute Gelegenheit dazu gegeben. Nicht umsonst hatte er ihm den spöttischen Namen Kornwulf gegeben und ließ ihn nun in diesem Aufzug kämpfen. Keiner der anderen Fürsten würde nun mehr Ramgar folgen wollen, würde es wieder zu einem Machtkampf zwischen Ramgar und Alfried kommen. Und er würde Ranzwi dafür verstossen müssen, aus seiner Sippe ausschliessen.

Als Ranzwi zu seiner Truppe stieß, spotteten und lachten diese über sein Aussehen und den neuen Namen, dem ihn der Heerführer gegeben hatte. Kornwulf. So wie Kornmuhme. Oder Kornhexe. Geister welche in den Getreidefeldern umgingen. In Menschen- oder in Tiergestalt. Korngeister über die man am Tage lachte, sich jedoch in der Dämmerung und in der Nacht fürchtete. Denn nicht selten zerstörten sie die gesamte Ernte und manchmal griffen sie auch Menschen an und verletzten diese. Hatte Alfried etwa Angst vor ihm? Lachhaft. Oder?

Ärgerlich stieß er den lachenden Tiwrich zur Seite, auch Tennatt, der ein freundliches Wort an ihn richten wollte, ließ er unbeachtet. Dann begann der kurze, schnelle Marsch zurück zum Dorf. Sie mussten nicht lange gehen, dann erschienen die ersten Langbärtigen. Voller Kampfeslust stürzten sich die beiden kleinen Gruppen aufeinander. Es würde ein kurzes, schnelles Gemetzel werden.

Ranzwi, jetzt Kornwulf, sprang mit als einer der ersten den Feinden entgegen, die im ersten Moment etwas irritiert waren, dann aber sofort den Jungen wieder erkannten, den sie selbst dieses Aussehen verpasst hatten. Mit Schimpfworten, lachend und erhobenen Schwertern rannten sie auf ihn zu. Kornwulf parierte den ersten Hieb sehr gut, stürzte dann aber durch die Wucht des zweiten gegenerischen Schwerthiebs auf den Boden und konnte nur seinen Speer als Schutz nutzen. Dann überkam ihn wieder diese Wut, die jegliches Gefühl und jeglichen klaren Gedanken aus ihm hinaus pustete und ihn nur noch automatisch handeln ließ, als hätte er nie etwas anderes gelernt. Er nutzte einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit seines Gegners und wirbelte den Speer in dessen Beine, woraufhin dieser ebenfalls zu Boden fiel. Dann stieß er ohne darüber nachzudenken den Speer in die die Brust des Langbärtigen. Jetzt lachte dieser nicht mehr und Kornwulfs Wut steigerte sich, so dass er sich später erzählen lassen musste, wie er gekämpft hatte und fast alle Gegner selbst erledigte, während seine Gefährten ihn nur ungläubig und teilweise entsetzt bei seinem Gemetzel zu sahen. Ja, sie fürchteten sogar vor ihm, denn wer sagte denn, das Ranzwi in diesem Zustand noch Freund und Feind auseinander halten konnte?

Dann wurden sie von einer weiteren kleineren Gruppe herannahender Langbärtiger abgelenkt und kümmerten sich um diese, während Kornwulf den letzten der ersten Gruppe den Todesstoß verpasste. Dann trat er in den Stall, wo er das Mädchen noch immer vermutete. Und tatsächlich saß sie noch immer dort, hatte Ranzwi jedoch durch die Tür beim Kampf beobachtet und wich nun ängstlich vor ihm zurück.

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Wieder in Sicherheit (KW 61)

Es war zum Verzweifeln. Nichts klappte mehr in den letzten Wochen. Seit der Geschichte mit dem Dunklen Wald. Es war wie verhext! Er lachte. Wahrscheinlich hatte ihn diese Hexe Hagazusa auch verhext. Hatte ihn mit einem Fluch belegt. Natürlich. Er erinnerte sich. Was hatte sie nochmal gemurmelt? “Wie ein Wolf wirst du umherirren und denen Unglück bringen, die du liebst!” Das hatte sie gesagt. Und jetzt konnte er sich nicht mal von diesem dünnen Hanfseil befreien.

Er versuchte es erneut, schrie aber vor Schmerzen auf, als sich das Seil in die noch frische Wunde schnitt. Plötzlich raschelte es im Korn und bevor Ranzwi reagieren konnte, standen zwei bewaffnete Männer vor ihm und sahen ihn ebenso überrascht an. Der eine war Thoralf aus dem Nachbardorf, den anderen kannte er nicht. Als er wiederum von den beiden erkannt wurde, lachten beide auf.

“Ranzwi, du bist es! Wir hatten fürchterliches Knurren gehört und dachten ein Wolf würde hier lauern. Warst du das?”

“Ja”, mehr brachte er im Moment nicht heraus, zu erschöpft war er von den letzten Anstrengungen. Obwohl er sich dagegen wehrte brach er nun doch bewusstlos zusammen, so dass ihn Thoralf und sein Gefährte aufnehmen und dorthin trugen, woher sie gekommen waren.

Sie mussten nicht weit gehen, bis sie auf Alfried trafen, der mit den anderen Fürsten und Tiwrich, der sie wohl hierher geführt hatte, zusammen stand und beriet. Auch einige einfache Krieger standen in kleineren Gruppen in der Nähe, Sippe für Sippe wie es bei den Sachsen üblich war. Sie alle glotzten die Neuankömmlinge an und schienen ihren Augen nicht zu trauen. Ramgar, Fürst und Vater von Ranzwi, senkte beschämt den Blick, als er erkannte wen sie da brachten. Im Grunde seines Herzens hatte er es geahnt, jedoch doch noch gehofft, der Junge würde sich im Kampfe auszeichnen. Und nun das! Das war der letzte Beweis für ihn, dass der Junge einfach nicht als Krieger taugte. Dann sollte ihn der Priester haben.

Alfrieds Mund schien ein befriedigtes Lächeln zu umspielen, als er von Ramgar zu den Ankommenden sah. Schnell ließ er sich berichten, wie und wo sie Ranzwi gefunden hatten, dann befahl er ihnen, den Jungen wegzubringen und der Obhut des Priesters, der gleichzeitig Heiler war, zu übergeben. Jetzt hatte man wichtigeres zu tun.

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Berserker (KW 60)

Ranzwi war etwas verwirrt. Nicht weil er nackt war und ein Mädchen anwesend war. So etwas wie Scham war für ihn als Sachse praktisch nicht vorhanden, das war eher Sache der zivilisierten Römer. Nein, das Fell irritierte ihn. Was sollte er mit einem Wolfsfell?

Anziehen!“, sagte der Anführer der Langbärtigen und Ranzwi tat wie ihm geheißen und streifte das Fell über, wobei einer der Anderen ihm half und den Schädel des Tieres auf Ranzwis Kopf legte und dort sowie noch Ranzwis Hände um seine Hüfte mit dünnen Seilen festband. Alle lachten. Alle außer Ranzwi und das Mädchen natürlich. Das Mädchen. Langsam begann er wütend auf sie zu werden. Sie war doch Schuld an dieser Situation! Hätte sie den Mund gehalten, wären sie jetzt beide längst in Sicherheit.

Nachdem die Langbärtigen Ranzwi einige Male Hin und Her gedreht und gestossen haben und ihn auslachten, werfen sie ihn vor die Tür. Sie folgen ihm und der Anführer schickt ihn mit einigen Beleidigungen auf sächsisch in Richtung Wald. Das Leben ist ihm geschenkt, aber zu welchem Preis? Wie ein Idiot läuft er nun herum und bereits jetzt weiß er das er Schmach und Schande damit über seine Sippe bringen wird. Es sei denn er schafft es, sich irgendwie von diesem Fell zu befreien, dann wäre er zwar noch immer nackt, denn in das Dorf kann er nun nicht mehr, dann würden ihn die Anderen mit Sicherheit töten. Nackt vor seinen Heerführer zu treten wäre aber immer noch besser als in seinem jetzigen Aufzug. Der Spott wäre ihm trotzdem sicher. Trotzdem würde er sich die Frage gefallen lassen müssen, warum er nicht gekämpft hat. Seine Ehre wäre somit angekratzt bevor sie überhaupt erst entstanden wäre. Und seiner stolzer Vater würde ihn nicht mehr als Familienmitglied betrachten, das war ebenfalls sicher.

Zwischen dem Dorf und dem Wald, in dem sich irgendwo Alfried mit seinen Mannen befand, lag ein größeres Roggenfeld, welches reif aber noch nicht abgeerntet war. Dort wollte er hinein, dort wäre er vor den Langbärtigen in Sicherheit, falls sie es sich nochmal anders überlegen sollten. Dort könnte er versuchen, sich von diesem Fell zu befreien.

Er ging ein gutes Stück hinein, dann fiel er erschöpft auf den Boden und ruhte sich einige Minuten aus. Er wartete bis er sich wiede etwas kräftiger fühlte, dann spannte er die Muskeln an und versuchte seine Arme von der Hüfte wegzudrücken und somit das Seil zu spannen. Es war ein dünnes Hanfseil, dass dürfte nicht schwerfallen. Es klappte nicht gleich und wieder wurde er wütend. Er verdoppelte seine Anstrengungen bis sich das Seil, welches mehrmals um seine Hüfte gebunden war, tief in sein Fleisch schnitt. Das machte ihn noch wütender und er vestärkte erneut seine Kräfte. Er begann zu Knurren und lachte darüber. Er knurrte wie ein gefangener Wolf!

Er streckte seine Arme so lange aus bis er die Besinnung verlor. Nicht ganz, aber doch so weit dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und schließlich stand er, ein schmaler Junge in einem Wolfsfell, im Korn, knurrte wie ein Wolf und geriet vor Kraftanstrengung so sehr in Rage, dass er sich später an nichts mehr erinnern konnte. Er führte sich auf wie ein Berserker, der mit sich selbst kämpfte!

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Nackt (KW 59)

[Knapp drei Wochen sind seit dem letzten KW-Text vergangen und niemand scheint diesen armen Jungen, der sich in der Gewalt der Langbärtigen befindet, vermisst zu haben. Trotzdem muss ich diejenigen enttäuschen, die insgeheim gehofft hatten, dieser Unsinn von Herrn Teddy hätte sich damit erledigt. Irgendwann verfliegen alle trüben Gedanken - Danke hierbei an Clara für ihre aufmunternden Worte - und irgendwann ist auch jede Schreibblockade mal vorbei. Wenn man will. Und ich will. Vor allem will ich wissen wie es diesem Jungen weiterhin ergeht. Wer will kann mir folgen.]

Ranzwi schwieg. Worauf ihn der Anführer mit der flachen Hand ins Gesicht schlug.

“Antworte! Wo ist deine Truppe?”

Ranzwi schüttelte den Kopf. Einer der anderen Langbärtigen diskutierte nun sehr laut mit dem Anführer, welcher ihn jedoch nur mit einer unwirschen Handbewegung zum Schweigen brachte. Dann zog er grob das Mädchen aus ihrer Ecke, hielt sie grob fest und wandte er sich wieder dem sächsischen Jungen zu.

“Wenn du nicht willst, dass diesem Mädchen etwas passiert, solltest du reden.”

“Ich weiß nicht, wo sich meine Truppe im Moment aufhält, ich weiß nur, dass mein Gefährte längst bei ihnen sein muss um zu berichten, dass ihr hier seid.”, antwortete Ranzwi wahrheitsgemäß.

„Das genügt mir als Antwort. Was machen wir nun mit dir?“, fragte er mehr sich selbst und warf das Mädchen wieder in ihre Ecke. Dabei fiel sein Blick auf etwas im dunkleren Teil des Raumes. „Zieh dich aus.“

„Bitte was?“

„Zieh dich aus, wenn du nicht abgestochen werden willst.“ Langsam verlor er wohl die Lust an seinen Spielchen mit Ranzwi. Nur ein grandioses Finale hatte er sich noch für ihn ausgedacht. Er sagte etwas zu einem der Anderen, welcher nun etwas aus der Ecke holte, während sich Ranzwi langsam auszog. Mit Handbewegung wurde er immer wieder ungeduldig aufgefordert sich zu beeilen bis er schließlich völlig nackt da stand.

Der Anführer trat dicht an ihn heran und hielt ihm ein größeres Stück Fell mit der Aufforderung es anzuziehen hin. An einem Ende des Felles hing noch der Kopf des Tieres. Es war ein Wolf.

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Kornwulf 57

Grob packten sie Ranzwi und zerrten ihn hinaus, über den schlammigen Hof und in das größere Gebäude hinein. Dort wurden sie von den anderen Langbärtigen erwartet. Insgesamt zählte, wie schon vorhin von seinem Baum aus, acht dieser düster aussehenden Männer. Die beiden, die ihn ergriffen hatten, warfen ihn nun vor die Füße des Anführers, wie man leicht an der Ausstattung seiner Kleidung und seiner Waffen erkennen konnte. Sie waren alle sehr gut ausgestattet, was darauf schließen ließ, dass dieser Feldzug den Langbärtigen so wichtig war, dass selbst die Kundschafter oder der Vortrupp oder was die Gruppe auch immer sein mochte nicht aus einfachen Kriegern bestand. Es hier auf einen Kampf ankommen zu lassen, wäre für Ranzwi das sichere Todesurteil gewesen. Na ja, wahrscheinlich auch schon bei nicht ganz so gut ausgebildeten Kämpfern.

Der Anführer fragte ihn etwas, was Ranzwi allerdings überhaupt nicht verstand. Diese Sprache war nicht mal annähernd mit der sächsischen verwandt. Als der Anführer dies bemerkte, unterhielt er sich mit den beiden Kriegern, die Ranzwi gefangen hatten. Dann verließ einer der beiden das Haus und kehrte mit dem Mädchen, welche sich mit Händen und Füßen wehrte, zurück. Dann sprach ihn der Anführer in guten Sächsisch an.

„Gehört dieses Mädchen zu dir?“, fragte er und Ranzwi schüttelte den Kopf.

„Also bist du nicht aus diesem Dorf?“, fragte er und lächelte dabei. Ranzwi war ihm gleich mit der ersten Frage in die Falle gegangen, denn sie wussten, dass das Mädchen aus dem Dorf war und wenn sie nicht zu Ranzwi gehörte, musste er folglich von woanders sein.

„Wo ist deine Truppe?“, fragte der Anführer der Langbärtigen nun.

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In der Falle (KW 56)

Er hatte einen guten Überblick über die wenigen Gebäude, vor allem das große Gebäude in dem er die Langbärtigen zuletzt hatte hineingehen sehen. Er überlegte was er tun sollte. Plötzlich raschelte es hinter ihm und mit einer rascher Bewegung, währenddessen er nach seinem Messer im Gürtel griff, drehte er sich um. Doch entgegen seiner Erwartung war es keiner der Feinde. Ein Ziege war es auch nicht. Es war das Mädchen.

Sie lag – an Händen und Füßen gefesselt – in einer dunklen Ecke des Schuppens und hatte durch eine Bewegung ihrer Füsse das raschelnde Geräusch auf dem mit Stroh übersäten Boden gemacht. Ranzwi trat auf sie zu und sah sie an. Sie war sehr hübsch, mochte etwa in seinem Alter sein, hatte lange dunkle Haare und braune Augen, die ihn jetzt ängstlich anstarrten. Ja, sie sah ängstlich aus, aber auch etwas anderes glaubte Ranzwi in ihren Augen zu erkennen. Verwirrung? Entschlossenheit? Aber wozu?

Er löste mit schnellen Griffen das kräftige Seil, welches als Knebel um ihren Mund gebunden war und bevor er „Nein“ sagen konnte stieß sie einen lauten, hohen Schrei aus. Er erschrak. Wahrscheinlich war sie so verwirrt, dass sie nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden konnte.

„Ich will dir helfen“, sagte er, drehte sich um und rannte zur Tür, um zu sehen, ob jemand den Schrei gehört hatte. Natürlich hatte jemand den Schrei gehört und Ranzwi lief zwei der Langbärtigen direkt in die Arme.

Nacken und Hinterkopf hatten sie glattgeschoren, die anderen Haare hingen ihnen über die Wangen bis zum Mund herab und waren in der Mitte der Stirn gescheitelt. Ihre Kleidung war weit und aus groben Leinen, wie sie nahezu alle germanischen Stämme trugen, zum Schmuck mit breiten Streifen von anderer Farbe verbrämt. Ihre Schuhe waren oben fast bis zum großen Zeh offen und durch herübergezogene lederne Riemen zusammengehalten. In ihren schwieligen Händen trugen sie Schild und Speer, an der Hüfte steckten kurze, zweischneidige Schwerter in mit Gold verzierten Scheiden.

Einer packte Ranzwi sofort mit kräftigem Griff und entriss ihm das Messer, seine einzige Waffe, während der andere auf das Mädchen zu lief, ihr die flache Hand ins Gesicht schlug um sie zum Schweigen zu bringen und ihr dann wieder den Strick als Knebel anlegte.

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Schleicher (KW 55)

Ranzwi schlich leise und mit leicht gebeugtem Oberkörper in einem weiten Bogen um die westliche Seite des Dorfes, huschte durch reifes Korn, welches wohl die Dorfbewohner angebaut hatten und nun nicht mehr ernten konnten (oder doch vielleicht in einigen Tagen, wenn die Langbärtigen vertrieben waren), sprang auf den wenigen Lichtungen von einem vereinzelten Baum zum nächsten oder – wenn kein Baum vorhanden – kroch er auf dem Boden weiter. Endlich erreichte er das erste Haus, oder viel mehr Hütte.

Ranzwi rannte in die Hütte, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, das niemand dort drin war. Er stellte fest, das dies ein kleiner Stall war, wahrscheinlich für die Ziegen, die er vorhin gesehen hatte. Von den Hunden hatte ihn bis jetzt – Wodan sei Dank – noch keiner bemerkt.

Ranzwi suchte sich eine Stelle in der Hütte, von der er durch einen Spalt in der Bretterwand zu den anderen Gebäuden sehen konnte. Vor allem natürlich zu dem großen Gebäude, in dem die Langbärtigen das Mädchen verschleppt hatten. Zu hören war leider nichts. Oder vielmehr zum Glück, denn Schreie des Mädchens hätten Schlimmes ahnen lassen.

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Ranzwi und Tiwrich trennen sich (KW 54)

Er kletterte vorsichtig den Baum herunter, immer darauf achtend keine Ast zu bewegen. Das würde ihn sonst verraten. Unten angekommen schlich er zum Baum, auf dem er Tiwrich vermutete. Dort angekommen, erwischte er diesen als er gerade vom niedrigsten Ast sprang und mit einem „Platsch!“ auf dem vom Regen durchweichten Waldboden aufschlug.

„Tiwrich!“ Dieser schaute ihn erschrocken an, fing sich aber schnell wieder.

„Ranzwi. Ich hab dich schon weitem heranpoltern hören.“

„Ja, ja“, winkte dieser die Stichelei ab. „Die Langbärtigen sind im Dorf. Zumindest ein kleiner Trupp. Späher wahrscheinlich.“

„Ich weiß. Schließlich hab ich dort oben…“, er zeigt mit beleidigter Miene auf seinen Baum, „…nicht geschlafen.“

„Schon gut. Du musst zu Alfried und ihm Bescheid geben.“

„Und du?“

„Ich muss ins Dorf und die Langbärtigen weiter beobachten.“

„Wegen des Mädchens?“

„Du hast sie auch gesehen?“, fragte Ranzwi. Tiwrich antwortete nicht, tat stattdessen noch beleidigter. Natürlich war ihm das nicht entgangen!

„Gut, dann jetzt los. Wenn wir hier noch lange diskutieren, hat sich das sonst sowieso bald erledigt.“

„Aber komme nicht auf die Idee, sie befreien zu wollen!“, rief Tiwrich seinem Freund hinterher, als dieser los rannte. Er hielt kurz an, kam zurück und sagte in leiserem Ton: „Wo denkst du hin? Ich bin doch nicht wahnsinnig! Ich will nur beobachten, was sie mit ihr machen und ob sie sie irgendwohin schleppen.“

„Wieso glaube ich dir das nicht?“, antwortete Tiwrich, dann rannte auch los.

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Sie sind da! (KW 53)

Einer der Hunde bellte und irgendwo hinter ihm im Wald krächzte ein großer Rabe. Beides klang so unwirklich, als ob der Nebel bzw die Wolke die Laute verzerren würde. Bei Wodan!

Inzwischen war Ranzwi komplett durchnässt und ihm begann zu frösteln. Obwohl es noch Sommer war, kroch die Kälte nachts schon aus der Erde und konnte nur durch die morgendliche Sonne vertrieben werden, welche heute aber fehlte. Sollte er den Baum hinunter klettern, um sich einen Unterschlupf zu suchen bis der Regen vorbei war? Andererseits war er nun sowieso schon bis auf die Knochen nass, da würde etwas mehr Regen auch nichts mehr ändern. Er blieb sitzen und wartete geduldig, dass die Wolke verschwinden und den Blick wieder freigeben würde.

Langsam hörte der Regen auf und das Wolkentuch zerriss in kleine Fetzen, welche der Wind nun schnell davontrug und Ranzwi nun wieder den größten Teil des Dorfes sehen konnte. Dort herrschte Bewegung. Die Ziegen waren verschwunden und die Hunde hatten ihren Streit beigelegt und rannten nun hinter eines der größeren Gebäude. Kläffend kamen sie nach wenigen Minuten wieder hervor, gefolgt von einer Gruppe düster aussehender Männer. Es waren Langbärtige, wie man auch aus dieser Entfernung unschwer erkennen konnte. Zwei der acht Männer, die Ranzwi zählen konnte, trugen ein großes Schwert an ihrer Seite, während die anderen nur mit Speeren bewaffnet waren und die Schilde über ihren Rücken gehangen hatten, was den Regen etwas abhielt. Andere Männer oder gar Frauen und Kinder, welche ja nach Gerwins Auskunft ebenfalls unterwegs waren, konnte Ranzwi nicht sehen. Was aber nicht bedeutete, dass sie nicht in der Nähe waren. Wahrscheinlich waren diese acht Krieger nur die Vorhut oder die Kundschafter. Sie zerrten eine kleinere Person, wahrscheinlich ein Mädchen aus dem Dorf, welches sich versteckt hatte und nun entdeckt worden war, um das Gebäude herum und dort hinein. Was sollte Ranzwi nun tun? Dem Mädchen helfen bevor ihr Schlimmes widerfuhr? Oder Alfried melden, dass die Vorhut der Langbärtigen eingetroffen war?

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