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Da ich vor kurzer Zeit ein gar heftiges Streitgespräch mit Ringelnitz über Dackel und Teckel hatte, in dem es eigentlich gar nicht um Dackel und Teckel ging, dachte ich mir, ich veröffentlichte nun endlich Notizen aus dem reichen Fundus von Teddys Tagebuch, meinem Hund. Also nicht zu verwechseln mit mir, dem Herrn Teddy. (Ich kann ja nichts dafür wenn der dämliche Köter sich dem selbigen Vornamen aussucht, den ich als Nachname habe.) Doch lest selbst.

Aus Teddy’s Tagebuch: Der Baum

Mein Name ist Teddy. Na ja, eigentlich ist Teddy mein Rufname und ich heiße Monty von Grafenstein. Aber wer möchte denn schon wirklich so heißen? Wenn ich mich nicht irre, bin ich jetzt fünf Jahre alt – nach Hundejahren gerechnet. In Menschenjahren bedeutet das, ich bin schon 35 Jahre. Ach ja. Älter als mein Herrchen.

Warum ich dieses Tagebuch schreibe? So richtig weiß ich auch nicht, was ich hier schreiben soll, jedoch auf ausdrücklichen Wunsch einer einzelnen Person (und unter Bedrohung des Lebens meines Herrchens) musste ich ja wenigstens etwas Interesse für das Internet heucheln. Eigentlich interessiert es mich nicht so, was da draußen in der großen, weiten Welt vor sich geht. Viel lieber bin ich zu Hause in meinem „Revier”: Eine 3-Raum-Wohnung mit etwas Garten und einigen Blumen. Hier kann ich den ganzen Tag schlafen und fressen und mir die kleine Welt vor dem Fenster ansehen, wenn da nicht Stinky und Blinky wären. Doch dazu ein anderes Mal.

Was ein richtiger Hund ist, der treibt sich naturgemäß auch gerne draußen herum, und da bin ich keine Ausnahme. Fast täglich bin ich im „Kindergarten”, dem Bauernhof von den Großeltern meines Frauchens. Meine Güte, gibt es da viel Acker zum Umgraben, was meine zweite Leidenschaft nach dem Schlafen ist. Einmal, es war gerade die erste warme Frühlingssonne erschienen und die Erde schon aufgetaut, habe ich gegraben und gegraben. Warum ich grub, weiß ich eigentlich auch nicht mehr so genau, wahrscheinlich wegen des Geruches nach Erde. Jedenfalls hatte ich schon eine halbe Stunde Arbeit hinter mir und das Loch war einen halben Meter tief, so dass ich nicht mehr zu sehen war, als ich müde wurde und in diesem Loch einschlief. Keine Ahnung wie lange ich dort auf der kühlen, feuchten Erde mit dreckverklebter Schnauze gelegen habe, irgendwann bin ich aufgewacht, weil jemand meinen Namen rief. Normalerweise höre ich ja nicht, wenn mich jemand ruft (es sei denn, mein Herrchen ruft wirklich sehr böse nach mir), aber an diesem Tag konnte ich nicht anders. Ich bemerkte leichten modrigen Geruch und ich sah, dass die Sonne schon untergegangen war. Ein wenig Angst hatte ich da schon. Normalerweise holt mich ja Frauchens Oma ins Haus, wenn es dunkel wird, aber diesmal schien sie mich völlig vergessen zu haben.

Ich sah mich um. Hinter mir der alte, knorrige Baum, der seine Wurzeln schon über den Boden gelegt hatte, wie eine riesige Spinne ihre Beine. Neben mir der Maschendrahtzaun zum Nachbargrundstück, rechts von mir der Hühnerstall, aus dem leises Gegacker erklang, und vor mir das Haus. Nichts weiter zu sehen. Aber irgendjemand hatte doch meinen Namen gerufen!? Oder hatte ich mir das nur eingebildet oder geträumt? Als kleiner West-Highland-Terrier bekommt man es da schon mit der Angst zu tun. Aber nur ein wenig, schließlich bin ich ein Rüde und kein Welpe mehr. Und Gott sei Dank habe ich gute Augen, denn es war stockdunkel geworden, kein einziges Licht und kein Mond waren zu sehen. Ich strengte meine Nase an, doch nichts außer erdigen Geruch und der entfernte Gestank von Hühnern. Doch halt, was war das? Hinter dem alten Baum war etwas. Ich hatte schon hundertmal an diesem Baum geschnüffelt und auch mein Bein dort gehoben, so dass ich wusste, welcher Geruch dort hingehörte und welcher nicht. Und der, eindeutig nicht. Ich überlegte einen Moment, was zu tun sei: Sollte ich mit eingezogenem Schwanz zum Haus schleichen oder sollte ich es wagen nachzuschauen? Ich entschloss mich, es zu wagen. Was könnte mir schon passieren? Mit einem Sprung war ich aus dem Loch heraus, schüttelte kurz den Dreck (und die Angst) von mir und ging langsam richtig Baum.

Von nahem sah er noch unheimlicher aus als von weiten, doch das interessierte mich jetzt nicht. Was mich interessierte, befand sich hinter dem Baum. Ich konnte es immer stärker riechen. Ein übler modriger Geruch nach feuchter Erde und fauligem Holz. Sicherlich war der Baum schon sehr alt, doch etwas passte nicht zu diesem Geruch. Etwas unterschwelliges konnte ich in diesem Geruch wahrnehmen. Aber jetzt hatte ich keine Angst mehr, sondern nur noch Neugier.

Langsam schlich um den Baum und musste dabei aufpassen, dass ich nicht über die Wurzeln stolperte, die sich gierig über den Boden zogen. Als ich die Hälfte umrundet hatte, sah ich einen Schatten, erst schemenhaft, dann deutlicher werdend. Schließlich stand ich vor einer riesigen Gestalt, noch größer als mein Herrchen. Kein Gesicht, keine Beine waren zu sehen, nur ein riesiger Schatten mit kleinen roten Augen. Ich hätte schreien können. Ich hätte weglaufen können, doch meine Beine waren wie gelähmt. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen und stand einfach nur da. Die Gestalt beugte sich zu mir herab und griff mit etwas, dass wahrscheinlich ihre Hand war, nach mir.

Ich weiß nicht, wieso ich es tat, aber als die Hand kurz vor meinem Gesicht war und ich diesen fauligen Geruch wahrnahm, konnte ich nicht anders – ich biss kraftvoll hinein. Ein markerschütternder Schrei ließ mir alle Haare zu Berge zu stehen und sämtliches Blut rutschte mir in die Beine. Ich drehte mich um und rannte. In der Eile passte ich nicht auf den Weg auf und ich stolperte über eine dieser verdammten Wurzeln, so dass ich der Länge nach hinschlug und mir den Kopf stieß. Ich wurde bewusstlos.

Als ich endlich wieder zu mir kam, stand die Sonne schräg am Himmel und ich fühlte mich erschöpft. Ich lag in dem Loch, welches ich vor Stunden (?) gegraben hatte. Jemand rief meinen Namen und diesmal erkannte ich sie – es war Herrchen, Gott sei Dank! So schnell mich meine Beine trugen rannte ich auf ihn zu.

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