Schlagwörter

, , , ,

Auf Wunsch einer einzelnen Person hier die nächste Geschichte aus dem reichen Fundus von Teddy’s Tagebuch.

Junikäfermond

Meine Güte. Da sitze ich nun schon vor der Tür und trotzdem bekommt keiner mit, dass ich dringend hinaus muss. Was soll ich West Highland White (Kampf-)Terrier denn noch machen um zu zeigen, dass ich pinkeln muss? Sollte ich vielleicht bellen? Ich kann es ja mal probieren.

„Aus! Teddy.” Na, super. Jetzt schnauzt mich Frauchen an, weil ich gebellt habe. Weiß ich doch auch, dass ich in der Wohnung ruhig sein soll. Wo ist überhaupt Herrchen? Mal die Ohren spitzen. Ach ja, in seinem Arbeitszimmer. Mal sehen, was er dazu sagt, dass ich raus muss. Ich tapse also in sein Zimmer und tatsächlich, da sitzt er an seinem Computer und haut in die Tasten. Wahrscheinlich wieder für seine Homepage. Ich warte einen Moment, ob er mich bemerkt, aber nein, er ist völlig in seiner Welt. Bellen darf ich auch nicht, also bleibt mir nur eins. Mit einem gewagten Sprung sitze ich plötzlich auf seinem Schoß und er schaut wirklich nicht schlecht aus der Wäsche, als ich da plötzlich vor ihm auftauche.

„Na, Teddy, was willst du denn?” fragt er auch noch so scheinheilig, als ob er nicht wüsste, dass es gleich 21 Uhr ist und ich um die Zeit immer raus muss. Ich beginne seinen Unterarm zu lecken. Erstens schmeckt er so gut und zweitens weiß er dann, was ich von ihm will. Drittens ist allerdings, dass er das absolut nicht leiden kann, und nachdem er mich freundlich darauf hingewiesen hat, sofort damit aufzuhören (was ich aber nicht mache), lande ich unsanft auf dem Teppich. Und er schreibt weiter! Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Zweiter Versuch: Auf den Hinterpfoten stehend, kratze ich mit meinen Vorderpfoten auf seinem Oberschenkel. Er dreht sich zu mir herum und ich laufe schnell zur Tür, bleibe dort stehen und drehe mich um.

„Verstehe, du willst raus.” sagt Herrchen. Na, endlich!

Während er gemütlich den Computer ausschaltet und langsam in den Flur schlurft, warte ich dort schon bei seinen Schuhen. Als er sich endlich angezogen hat, springe ich vor ihm im Kreis, damit er mich auch gar nicht vergisst. So, jetzt habe ich die Leine um den Hals und es kann losgehen.

Als wir aus der Haustür kommen sehe ich sofort, dass es doch schon etwas später ist. Der Mond steht hoch am Himmel – Vollmond. Blöde grinst mich sein Gesicht an. Irgendwie scheint er größer als sonst zu sein, so, als ob beschlossen hätte, der Erde (und damit auch mir) ein wenig näher zu kommen. Auch ist seine Farbe nicht das übliche blasse Weiß oder helle Gelb, sondern heute sieht er orange (blutrot) aus. Schnell schüttle ich die unangenehmen Gedanken ab, schließlich ist so ein Vollmond für mich kein Grund zum Jaulen! Die Luft ist angenehm, nicht zu warm und nicht zu kalt. Ich schätze so um die 18 Grad Celsius. Ein leises Summen liegt in der Luft. Aber bevor ich dem Geräusch näher auf den Grund gehen kann, zerrt mich Herrchen über die Straße und löst dann die Leine, so dass ich nur noch das Halsband umhabe. Die beiden Marken daran klappern bei jeder Bewegung.

Vor dem Mehrfamilienmietshaus, in dem wir wohnen, liegt eine sehr große Wiese, die scheinbar nur für uns Hunde nicht mit Häusern bebaut wurde. Alle möglichen Pflanzen und Blumen wachsen hier, von Rotklee über diese großen, gelb blühenden Blumen, deren Namen ich nicht weiß, bis zu kleinen Büschen. Morgens gehen Herrchen und ich durch den angrenzenden Wald spazieren, aber abends, wenn er sehr dunkel aussieht und seltsame Geräusche aus ihm erklingen, dann machen wir nur eine große Runde um diese Wiese. Da Herrchen langsam aber ohne Halt vorwärts schlendert, muss ich ab und zu mit meinen kurzen Beinen hinterher sprinten. Aber meine Schnüffel- und Markierungspausen lasse ich mir naturgemäß nicht nehmen.

Die Hälfte der Wiese haben wir schon umrundet und sind praktisch auf dem Rückweg, als ich wieder dieses Summen, welches wie Mini-Hubschrauber klingt, höre. Diesmal bleibe ich aber stehen und spitze die Ohren. Es kommt aus der Luft, aber was verursacht dieses Geräusch? Auch ungewöhnlich viele Schwalben fliegen im tief über die Blumen und Sträucher. Herrchen steht dicht neben mir und lauscht ebenfalls angestrengt. Dann schießen plötzlich zwei dieser Biester auf uns zu und eines versucht in Herrchens Nacken zu landen. Er duckt sich und vertreibt das Tier mit der rechten Hand.

„Was sind denn das? Hornissen?” fragt er mehr sich selbst, obwohl er mich dabei ansieht. Ich weiß es auch nicht. Solche komischen Insekten, die noch nicht mal richtig fliegen können, habe ich auch noch nicht gesehen. Aber Hornissen sind das nicht, dass sehe ich sofort, denn Hornissen sind größer als Wespen (welche ich kenne, Hornissen habe ich noch nie gesehen) und beide haben einen Stachel. Die Biester, die hier zu Tausenden über die Wiese surren, haben keinen. Sie sind fast so groß wie meine Nase, wirken eher pummelig als aerodynamisch und von Flugkunst kann bei ihnen wirklich nicht die Rede sein.

‘Autsch!’. Landet doch eines dieser Insekten direkt an meinem Kopf! Schnell verdränge ich die Alternative zu meinen friedfertigen Überlegungen – wie Killerkäfer sehen die ja nun wirklich nicht aus. Oder? Nein, nein. Ich schüttle den Kopf dazu, auch um eines der nächsten Biester loszuwerden, das sich in meinem Fell verfangen hat. „Komm, Teddy.”, ruft Herrchen. „Bloß schnell weg hier. Das ist mir nicht ganz geheuer.” Mir auch nicht.

Schnellen Schrittes versuchen wir die Wiese zu verlassen, während weitere der fliegenden Kamikazekämpfer uns bedrängen. Plötzlich bleibt Herrchen stehen, schaut intensiv auf den lehmigen Boden des Weges und bückt sich schließlich. Oh nein, er wird doch nicht etwa eines dieser Biester anfassen wollen. Schnell springe ich auf ihn zu um ihn daran zu hindern, doch sanft drückt er mich zur Seite.

„Schon gut Teddy. Ist doch noch nur ein Junikäfer.” Junikäfer? Das sollen Junikäfer sein? Das es Maikäfer gibt, habe ich ja schon gehört, aber Junikäfer? Und in solchen Massen?

„Die tun dir nichts, auch wenn sie solch unbeholfenen Flieger sind. Und lange werden sie nicht mehr zu sehen sein. Und schon gar nicht bei den vielen Vögeln, die hier auf der Jagd nach ihnen sind. Ist für die praktisch ein Abendessen auf dem Servierteller. Und siehst du, der hier stirbt auch.” Und tatsächlich: der Käfer lag auf dem Rücken auf der Handfläche meines Herrchens und strampelte mit den Beinen in der Luft. Doch wurde er immer schwächer und schließlich lag er ganz ruhig da. Herrchen warf ihn hinter uns auf die Wiese. Auf nach Hause!


Advertisements