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Die vorerst (oder Gott-sei-Dank) letzte Geschichte aus Teddy’s Tagebuch.

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Ich öffnete langsam die Augen und schloss sie schnell wieder. Sie war so grell. Vorsichtig öffnete ich nochmals meine Augen und blinzelte. Die Sonnenstrahlen durchdrangen einen Spalt an der linken Seite der Jalousie und warfen sich auf mich. Zeit aufzustehen. Ich rappelte mich von meiner Rückenlage auf, gähnte, streckte mich nach vorn, streckte mich nach hinten und sah mich um. Herrchen lag nicht auf seinem Platz im Bett. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise war ich sonst immer als erster auf den Beinen und Herrchen ein noch schlimmerer Langschläfer als ich. Ich schüttelte mich kurz aber kräftig und sprang vom Bett, um nachzusehen, ob er vielleicht schon im Bad war. Das Licht dort brannte und die Lüftung ratterte vor sich hin aber Herrchen war nicht zu sehen. Ich ging weiter in die Küche, wo es nach Spiegeleier und gebratenem Speck roch. Also hatte er schon Frühstück gemacht. Ich schaute nach, ob vielleicht etwas in meinen Napf gefallen war, doch außer diesem grässlichen Trockenfutter war nichts weiter. Ich trottete ins Wohnzimmer, wo er tatsächlich schon vor dem Fernseher saß, frühstückte und seinen Kaffee trank.

„Na, Teddy, du Schlafmütze!”, begrüßte er mich fröhlich und ich sah auf die Uhr des Videorekorders, die unter dem Fernseher auf meiner direkten Augenhöhe platziert war. 7.55 Uhr. Ich musste ein zweites Mal hinsehen. 7.55 Uhr? Was war nur mit Herrchen los? Ich legte mich vor seinen Sessel und lauschte dem Fernsehprogramm. Irak-Krieg, Reformstau in Deutschland, Frühlingsanfang, Temperaturen bis 16 Grad Celsius. Frühlingsanfang? War das vielleicht der Grund, warum er schon so früh auf den Beinen war?

Kaum hatte ich es mir so richtig gemütlich gemacht, stand er auf und zog sich Jacke und Schuhe an. Im Normalfall muss ich eine ganze Stunde warten, bevor es dann endlich hinaus geht.

Von unserer Wohnung brauchen wir nur knapp dreißig Meter entlang der vielbefahrenen Straße gehen, dann über eine kleine Brücke und dann links auf einen Feldweg. Unser Weg. Hier lässt mich Herrchen immer von der Leine, da ich nun nicht mehr Gefahr laufe unter ein Auto zu geraten. So kann ich ungestört stöbern und schnuppern, ohne dass ständig jemand an der Leine zieht oder verärgert auf mich warten muss. Herrchen ist da ja manchmal etwas ungeduldig und hat kein Verständnis, wenn ich erst noch ausführlich die Post lesen und die Antworten schreiben muss. Heute schien die Sonne schon sehr kräftig und obwohl es noch relativ früher Vormittag war, war es angenehm warm und die ersten Frühlingsblüher streckten zaghaft ihre Köpfe aus dem vertrockneten Gras. Ich liebe den Frühling. Nicht nur die warmen Sonnenstrahlen, die ich auf dem Balkon genieße (ich liege den ganzen Tag dort in der Sonne), auch gibt es eine Vielzahl an neuen und frischen Düften auf unseren Spaziergängen zu entdecken. Etwas betrübt bin ich nur, wenn ich die vielen Paare in der Wildnis sehe: ob Vögel, Käfer oder Schmetterlinge, alle krabbeln und fliegen zu zweit. Na ja, so richtig alleine bin ich ja nicht, schließlich habe ich Herrchen. Aber es ist eben nicht dasselbe.

Als wir an einem Gestrüpp und Laubhaufen des vergangenen Herbstes vorbeikamen, stutze ich einen Moment. Direkt zwischen dem schmalen Pfad und dem Laubhaufen lag etwas, dass man auf den ersten Blick leicht übersehen konnte, denn es hatte die gleiche bräunliche Farbe wie das Laub. Vorsichtig ging ich näher und schnupperte daran. Es hatte eine Art Fell, aber es war spitz und stach schmerzhaft, wenn man mit der Nase zu dicht herankam. Herrchen war näher gekommen und schob mich beiseite um dieses komische Wesen zu inspizieren.

Als er es mit einem Finger leicht berührte hob und senkte sich der hellbraune Bauch und die kleine, schwarze Nase zitterte.

„Ein Igel”, erklärte Herrchen. Dann blieb er einige Zeit reglos hocken und betrachtete das Tier nachdenklich.

„Mmh”, sagte er. „Komm weiter, Teddy!”

Wir gingen unseren Weg weiter, auf dem nichts Interessantes mehr zu entdecken war, und kamen schließlich wieder an die Stelle an welcher der Igel gelegen hatte. Er lag immer noch an der gleichen Stelle. Und wieder hockte sich Herrchen nieder und betrachtete das Tier und überlegte. Dann nahm er den Igel vorsichtig mit der einen Hand auf und legte ihn in die andere Hand.

Zu Hause angekommen legte er ihn in einen Karton und telefonierte. Als er fertig telefoniert hatte, nahm er den Karton in eine Hand und fasste meine Leine mit der anderen Hand.

„Komm Teddy, wir bringen den Kleinen zum Tierarzt”, sagte er nur.

Unsere Tierärztin hat ihre Praxis in der Stadt von Herrchens Eltern und er hat großes Vertrauen zu ihr, denn nach vielen anderen Tierärzten waren wir bei ihr schon öfter gewesen. Ich kann zwar den Geruch in der Praxis nicht leiden, aber sie ist wirklich sehr freundlich und greift nicht gleich zur Spritze, wie die anderen Ärzte. Und diesmal musste ich im Auto bleiben und warten bis Herrchen ohne den Igel wieder aus der Praxis kam. Anschließend fuhren wir zu seinen Eltern, wo ich mich immer im Garten austoben kann, und blieben dort einige Stunden. Irgendwann war Herrchen verschwunden und tauchte dann wieder mit dem Karton und dem Igel auf.

„Die Tierärztin sagt, es sei alles in Ordnung mit ihm”, sagte er zu seinem Vater.

„Und was machen wir jetzt mit ihm? Nimmst du ihn wieder mit zurück?”

„Ich weiß nicht. Braucht ihr nicht noch einen Igel für den Garten?”

„Na ja. Warum nicht. Setzen wir ihn im Garten am Komposthaufen aus.”

„Aber erst morgen. Die Nacht soll es noch mal richtig kalt werden. Stellen wir ihn in den Wintergarten und morgen früh können wir ihn dann ein Nest im Komposthaufen bauen, damit er es noch warm hat.”

Und so wurde es schließlich auch gemacht. Der Igel bekam noch ein Schälchen Wasser und einen zerstückelten Apfel in seinen Karton und wurde dann in eine ruhige, dunkle Ecke des Wintergartens gestellt. Dann gab es endlich Abendessen. Meiner Meinung nach drehte sich in den letzten Stunden sowieso nur alles um den Igel. Mir kam er nicht ganz geheuer vor. Irgendwas war in seinen kleinen, schwarzen Knopfaugen was mir nicht gefiel. Aber es war nur ein Gefühl, eine Ahnung. Wenn ich mir sicher gewesen wäre, hätte ich ihn tot gebissen und die Sache wäre erledigt gewesen, doch so …

Das Fernsehprogramm war langweilig wie fast immer in der Woche. Nur diese Serien mit unrealistischen Geschichten. Außerdem fehlten oft Tiere. Und wenn Tiere vorkamen waren es Monster oder sie waren blöde. Hunde mit heraushängender Zunge und einem Blick, der verriet, dass ihr Gehirn von Chappie- oder Pedigree-Dosenfutter schon ganz aufgeweicht war. Oder Katzen die sich jedem vor die Füße warfen oder vor Schreck die Gardinen hochgingen. Eben so wie sich Menschen, die keine Tiere oder nur Fische haben, Tiere vorstellen. Und wenn die Tiere dann noch anfangen zu sprechen, könnte ich mich vor Albernheit unter der Couch verkriechen. Als ob Tiere sprechen könnten, meine Güte. Reicht doch, wenn wir dämliche Kunststücke machen müssen. Gott sei Dank gingen wir auch bald schlafen.

Trotz Protestes von Herrchens Mutter durfte ich bei ihm im Zimmer schlafen. Ich rollte mich auf dem Boden vor seinem Bett zusammen und schlief bald ein. Der Tag war aufregend und anstrengend genug für mich gewesen.

Ich wurde von einem Geräusch geweckt. Einem ungewöhnlichen Geräusch. Ich hob meinen Kopf und spitzte die Ohren. Bis auf das fahle Mondlicht, das sich vergeblich mühte das kleine Zimmer auszuleuchten, war es stockdunkel. Das Geräusch kam auch nicht aus diesem Zimmer, sondern war im Flur oder Wintergarten verursacht worden. Moment mal. Im Wintergarten war doch der Igel. Ich stand auf, schaute kurz zu Herrchen hoch (der seelenruhig schlief) und ging leise und vorsichtig ins Wohnzimmer. Sämtliche Türen im Haus standen – zumindest einen Spalt breit – offen, so dass ich mit etwas Unterstützung meiner Schnauze die Türen öffnen und in sämtliche Zimmer gelangen konnte. Im Wohnzimmer war es richtig finster, da die Fenster mit Jalousien verschlossen waren und somit überhaupt kein Licht einließen.

Ich musste mich also auf meine Ohren und meine Nase verlassen. Und auf meinen Instinkt. Mit gesenktem Schwanz, gespitzten Ohren und die Schnauze nach vorn gereckt, tappte ich vorsichtig durchs Dunkel. Da war es wieder, dieses Geräusch, als ob jemand versuchte leise zu sein, aber doch etwas tollpatschig war. Im Flur war jedoch auch nichts, so dass ich mir jetzt sehr sicher war, dass dieses Geräusch nur vom Igel gekommen sein kann. Zielstrebig öffnete ich die Tür zum Wintergarten, in dem der Mond sein spärliches Licht verbreitete und ich zumindest schemenhaft das Inventar erkennen konnte. Dort stand der Schaukelstuhl, daneben ein riesiger Affenbrotbaum und gleich dahinter stand der Karton, in dem der Igel aufgehoben war. Plötzlich rappelte es in dem Karton und er rutschte einige Zentimeter in meine Richtung. Ich muss zugeben, dass ich mich doch ein wenig erschrak.

Dann sah ich sie. Langsam und erst vereinzelt, dann in größerer Zahl, erschienen sie am oberen Rand des Kartons und wuchsen darüber hinaus. Ich konnte mir erst nicht denken, was das sein könnte, doch dann erkannte ich sie – es waren die Stacheln des Igels. Sie wuchsen und wurden größer! Und wenn die Stacheln wuchsen dann bedeutete es, dass auch der Igel wuchs. Was ging hier nur vor sich? Ein Mutanten-Igel? Vielleicht war er radioaktiv verseucht? Oder vielleicht doch eine Geheimwaffe von Aliens, als Igel getarnt um die Weltherrschaft an sich zu reißen? Und vor allem: Wie konnte ich ihn/es aufhalten?

Wie gelähmt stand ich in der Tür und starrte auf dieses Etwas, was immer noch wuchs und in wenigen Augenblicken den Karton sprengen würde. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Selbst zum Bellen war ich unfähig. Ich hatte keine Atombombe und auch kein Feuer um das Ding zu verbrennen wie in Carpenters gleichnamigen Film. Aber halt, vielleicht gelang es mir das Licht anzumachen. Das war die Lösung! Soviel ich wusste war ein Igel ein sehr lichtscheues Subjekt. Ich musste es versuchen.

Nun war ich nicht der größte Hund, aber wenn ich mich ganz lang strecken würde könnte ich an den Schalter kommen. Ich stellte mich auf die Hinterbeine reckte meinen Körper so weit ich konnte und versuchte mit der Pfote an den Kippschalter zu gelangen. Vergeblich. Während ich mich mühte und reckte und streckte, wuchs das Ding – den Geräuschen hinter mir zu urteilen – unaufhörlich weiter. Und als ich schon aufgeben wollte kam mir eine Idee. Schnell rannte ich in den Flur und schnappte mir einen von Herrchens Schuhen. Damit müsste es funktionieren. Als ich wieder in den Wintergarten eilte blieb ich wie angewurzelt stehen. Der Igel war jetzt bereits über die Größe des Kartons hinaus gewachsen und er reckte seinen Kopf mit der schwarzen Nase über den Rand. Er sah mich mit rotfunkelnden Augen an und schien sich zu fragen, was ich mit einem Schuh hier wollte.

Jetzt war Eile geboten, denn wenn er den Karton sprengen würde (was sicherlich gleich passieren würde), dann wäre ich verloren. Ich warf meinen Körper an die Wand und streckte ihn weiter als je zuvor. Mit letzten Kräften reckte ich den Schuh in Richtung Schalter und mit einem lauten Klapps schlug die Schuhspitze auf den unteren Teil des Schalters. Grelles Licht erfüllte den Wintergarten. Ich ließ kraftlos den Schuh fallen und brach erschöpft zusammen. Dann wurde ich bewusstlos.

Als ich wieder zu mir kam brannte das Licht nicht mehr, aber die Sonne schien mit erster Kraft durch das Glas und erwärmte den Wintergarten. Ich sah auf. Der Karton stand immer noch an derselben Stelle, doch kein Igel war zu sehen. Herrchen kam gerade aus dem Bad und streichelte mich hinter dem Kopf.

„Na, Teddy, wolltest du lieber hier schlafen und auf den Igel aufpassen? Was macht er eigentlich? Er ist so ruhig.”

Er ging zum Karton, beugte sich hinab und machte ein nachdenkliches Gesicht. Dann glitt er mit der Hand in den Karton und machte ein noch nachdenklicheres Gesicht. „Ich glaube er ist tot. War vielleicht doch zu kalt für ihn heute Nacht. Schade um den Kleinen.” Herrchen schien traurig zu sein, doch ich wusste es ja besser, was es mit dem Igel auf sich hatte.

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