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Hugenotten

4. Migration und Integration der Hugenotten in Preussen

Der brandenburgische Kurfürst versprach sich von der Zuwanderung der Hugenotten viele Vorteile. Seine durch den 30-jährigen Krieg entvölkerten Länder benötigen dringend neue Siedler. Riesige Landstriche lagen brach, viele Siedlungen waren wüst. Zudem verstärkten die Zuwanderer die calvinistische Minderheit, der er selbst angehörte. Und schließlich brauchte das Land Spezialisten mit westeuropäischem Niveau. Der Kurfürst bot den Hugenotten verlockende Privilegien: zunächst mietfreies Wohnen, dann schuldenfreie Grundstücke, kostenloses Baumaterial, Befreiung von allen Steuern und Verpflichtungen, außer der Akzise, Anschubfinanzierungen für Handwerker und Kaufleute, eine partiell eigene Gerichtsbarkeit, freie Ausübung ihres Glaubens, Beibehaltung ihrer Sprache, rechtliche Gleichstellung mit den Einheimischen, besondere Kommissare als Ansprechpartner und staatlichen Schutz.

Durch die Fülle der Privilegien, die die Hugenotten in Brandenburg-Preussen genossen, und die geförderte Bildung der so genannten „Colonies“, bildeten sie über Jahrzehnte einen Staat im Staate und in Berlin eine Stadt in der Stadt. Erst 1720 erfolgte mit dem Gesetz der „staatsbürgerlichen Gleichstellung“ der politische Schritt zur Lockerung der hugenottischen Sonderstellung.

Ein wichtiger Indikator für die Assimilierung sind die Mischehen, d.h. Ehen zwischen Hugenotten und Nicht-Hugenotten, die zwischen 1685 und 1753 in den Registern der Französisch-Reformierten Kirchen verzeichnet wurden. Interessanterweise gibt es laut Heiratsregister bis 1687 keine Mischehe, zwischen 1688 und 1720 wächst deren Zahl auf 5 % und bis 1760 wuchs der Anteil der Mischehen kontinuierlich auf über 30 % an.

Ein weiteres Indiz für eine erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Integration der Einwanderer stellt die Sprache dar. Im Gegensatz zu England und Irland, wo sich die Hugenotten relativ schnell (meist innerhalb der zweiten Generation) das Englische aneigneten und die französische Sprache auf ein Minimum reduziert wurde, stellt Brandenburg-Preussen einen besonderen Status dar. Im 17. und 18. Jahrhundert war Französisch nicht nur die alleinige Sprache am Hofe der Könige, sondern zugleich auch Amts-, Kultur- und Konversationssprache. Bis auf die ärmeren Bevölkerungsschichten war die Beherrschung der französischen Sprache in Preussen unverzichtbar. Da die Hugenotten hauptsächlich in den Ober- und Mittelschichten anzutreffen waren, konnten und mussten sie ihre ursprüngliche Heimatsprache weiter nutzen. Erst mit dem Erstarken des nationalen Bewusstseins der deutschen Bevölkerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Herausbildung der deutschen Schriftsprache, wie wir sie heute kennen, begann der langwierige Prozess der Amtssprache vom französischen zum deutschen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Hugenotten jedoch sozial schon längst integriert und nur noch wenig unterschied sie von den „Deutschen“.

Die Réfugiés waren hochqualifizierte Gärtner, Landwirte und Handwerker, wie Juweliere, Strumpfwirker, Schneider, Perückenmacher, Messerschmiede, Uhrmacher, Gobelinweber, Glasbläser, Spiegelhersteller, Confituriers (Hersteller von Konfitüre), Pâtissiers (Konditoren), Destillateure. Sie brachten allein 46 neue Berufe in die Kurmark. Darunter Hutmacher, Seidenweber, Buchbinder, Maler, Emailleure, Weißgerber, Seifenhersteller, Tapezierer, Pastetenbäcker, Caffetiers (Cafébetreiber). Auch Kaufleute, Ärzte, Chirurgen, Apotheker, Beamte und Richter waren unter den Réfugiés; französische Bankiers und Kaufleute gaben der kurmärkischen Wirtschaft beträchtliche Impulse. Eine Statistik aus Berlin vom Jahre 1700 zeigt, dass sich die Franzosen in den einzelnen Wirtschaftsbereichen wie folgt aufteilten: im Primärsektor (hauptsächlich Gärtner) 5 %, im Sekundärsektor (Gewerbe, hauptsächlich Textilien und Bekleidung) über 65 % und im Tertiärsektor (Dienstleistungen, Handel und Transport) 29 %. Auch die brandenburgische Armee erhielt durch 600 französische Offiziere und 1.000 Soldaten erhebliche Verstärkung.

Angesichts der zunehmenden Verfolgungen, denen sich die französischen Reformierten in Frankreich ausgesetzt sahen, wandten diese sich mit der Bitte um Fürsprache bei Ludwig XIV. an den brandenburgischen Kurfürsten, und dieser, nicht zuletzt auch aus der Solidarität gegenüber den bereits angesiedelten Hugenotten in seinem Lande, erließ am 29. Oktober 1685 das „Chur-Brandenburgische Edict, betreffend Diejenige Rechte/Privilegia und andere Wohltaten/ welche Se. Churf. Durchl. zu Brandenburg denen Evangelich – Reformirten Frantzösischer Nation so sich in ihren Landen niederlassen werden daselbst zu verstatten gnädigst entschlossen seyn“. Konzipiert wurde das Edikt vom Kammerherrn und späteren Außenminister Heinrich Rüdiger Ilgen. Die ursprünglich französische Fassung wurde um eine weitere deutsche Übersetzung erweitert und mit einer Stückzahl in Höhe von 2.000 an die brandenburgischen Gesandten in Paris, Den Haag, Frankfurt a. M., Hamburg und Regensburg verteilt. Allerdings war Friedrich Wilhelm nicht der erste und einzige deutsche Souverän, der ein solches Edikt erließ. Bereits vor ihm hatten Georg Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, und Landgraf von Hessen-Kassel ähnliche Edikte erlassen.

1695 unterschrieb Friedrich III. das Dekret für den Bau einer französischen Kirche. 1705 wurde die Friedrichstadtkirche (der Französische Dom) am Gendarmenmarkt in Berlin eingeweiht. Viele Hugenotten und ihre Nachkommen machten sich in der preußischen Geschichte einen Namen. Zu den Bekanntesten gehören die Schriftsteller Friedrich de la Motte Fouqué, Willibald Alexis und Theodor Fontane, der Chemiker Achard, Erfinder des Rübenzuckers, die Baumeister David und Friedrich Gilly, der Zeichner und Radierer Daniel Chodowiecki (als Mitglied der französischen Gemeinde) und die Mathematiker Leonhard Euler und Bernoulli, die sich als Schweizer Reformierte der französischen Gemeinde in Berlin angeschlossen hatten.

Als Friedrich Wilhelm I. Im Jahre 1713 als zweiter König in Preussen das Amt antrat, existierten bereits etwa 60 französische Kolonien, die größte in Berlin, aber bedeutend waren auch Magdeburg und Halle. Potsdam hatte zu diesem Zeitpunkt erst wenige französische Bürger, was sich aber änderte, als Friedrich Wilhelm I. die Stadt zur Garnison ausbauen ließ und er im Norden der damaligen Stadt die Errichtung eines „Französischen Quartiers“ anordnete. Bei der Zählung von 1724 sind dort bereits 48 Häuser aufgeführt.

Die 1723 gebildete Französisch-Reformierte Gemeinde konnte zunächst für den Gottesdienst nur die Kapelle im Potsdamer Stadtschloss nutzen. Auf Veranlassung Friedrichs II. entwarf Georg Wenzeslaus von Knobbeldorff eine Kirche im Pantheon-Stil, die 1751-53 durch Johann Boumann d.Ä. am südlichen Ufer des ehemaligen holländischen Bassins errichtet wurde.

[Fortsetzung]

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