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Ja, das will mir als Leser jedenfalls der Wochenanzeiger München in einem Artikel weis machen. Ich dachte ich lese nicht richtig. Natürlich ist es wichtig auf die Gefahren exzessiven Computerspielens hinzuweisen, jedoch nicht auf diese Art und Weise!

Mal davon abgesehen, dass Jugendliche und junge Erwachsene eher gefährdet sind mit dem Auto zu verunglücken und sich ins Koma zu saufen, als Computerspielsüchtig zu werden, ist es einfach nur lächerlich ständig diese Verbindung Computerspieler – Perverser/Gestörter – Amokläufer zu propagieren. Selbst Wissenschaftler halten das für absurd.

Ich frage mich allerdings, warum das auch nach Jahren immer noch verbreitet wird und sogar noch verstärkt wird durch vermeintliche Experten (der Herr Hirte behauptet auch, dass Ego-Shooter von der US-Army erfunden wurden um besser an Rekruten zu kommen) oder schreibt mal wieder nur ein Journalist/Redakteur den Mist vom anderen ab?

[Foto: Muenchen.tv]

Die Auswirkungen von Computerspielsucht können erschreckend sein. Christoph Hirte legt besonderen Wert darauf, dass die Folgen und Begleiterscheinungen dieser Krankheit nicht verharmlost werden: „Viele Computerspieler, die gerade eine wichtige Spielepisode zu meistern haben, stellen sich zum Beispiel einen leeren Eimer unter den Tisch oder ziehen eine Windel an, weil sie während des Spiels den Schreibtisch nicht verlassen wollen, um auf die Toilette zu gehen“, erzählt der Gräfelfinger, dessen eigener Sohn zwei Jahre lang computerspielsüchtig war. Aufgrund seiner Geschichte hat er vor rund zweieinhalb Jahren die Seite „www.rollenspielsucht.de“ ins Leben gerufen. Sie dient als Selbsthilfeportal und Informationsangebot für betroffene Eltern, Computerspielsüchtige und Aussteiger.

In Zusammenhang mit Computerspielsucht kommt es auch immer häufiger zu gewalttätigen Übergriffen. „Das Computerspiel ist für die Betroffenen wie Heroin aus der Steckdose. Wenn Mütter versuchen ihren Kindern diese Droge zu entziehen, dann entstehen häufig Extremsituationen“, berichtet Hirte. Die Mütter würden in den Schwitzkasten genommen und durch die Wohnung geschleift.

Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinsituts Niedersachsens (KFN) verbringen Jugendliche im Alter von 15 Jahren durchschnittlich täglich 140 Minuten mit Computerspielen. Fast 60 Prozent der Spielzeit entfallen dabei auf Onlinespiele, also Spiele, die über das Internet gespielt werden und an denen sich zeitgleich zahlreiche andere Spieler beteiligen können. „Nach der Analyse unserer Ergebnisse können wir heute sagen, dass allein 14.300 Jugendliche in der Altersgruppe von 15 Jahren die Kernkennzeichen einer Computerspielabhängigkeit erfüllen“, so Christian Pfeiffer, Leiter des KFN. Dazu kommen noch einmal 23.600 Jugendliche in diesem Jahrgang, die akut gefährdet sind, eine Computerspielabhängigkeit zu entwickeln. Zudem scheint die Computerspielsucht vor allem ein Problem männlicher Jugendlicher zu sein: Von den abhängigen Spielern sind 91 Prozent männlichen Geschlechts.

In einer Broschüre zum Thema nennt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) sieben Kennzeichen für Computerspielsucht. Bedenklich ist es demnach, wenn Kinder mehr als eineinhalb Stunden täglich mit Computerspielen verbringen, das Spiel andere Freizeitaktivitäten verdrängt, die realen Kontakte mit Freunden immer weniger werden und die Kinder auch heimlich abends oder nachts Computer spielen. Auch Leistungseinbrüche in der Schule, regelmäßige Streits mit den Eltern um Computerspielzeiten sowie ein sofortiges Anschalten des Computers direkt nach der Schule sind weitere Anzeichen für eine krankhafte Gefährdung.

Christoph Hirte geht davon aus, dass sich Deutschland erst am Anfang der Entwicklung von Computerspielsucht befindet: „Die schwierigen Jahrgänge, die mit dem Computer aufgewachsen sind, kommen erst noch“, erklärt er. Seiner Meinung nach wird der Aufklärung über die Gefahren von Computer- und Mediennutzung immer noch zu wenig Bedeutung beigemessen. „Gefahren der Sucht und Aussteigerberichte werden verharmlost oder nicht ernst genommen“, so Hirte. Hinzu komme, dass den Eltern seit Jahren gesagt werde, es sei gut für ihre Kinder, sich früh an den Computer zu gewöhnen, damit sie später in der Arbeitswelt Schritt halten könnten. „Nicht thematisiert werden dabei aber die negativen Seiten, die mit dieser Computernutzung einhergehen“, erklärt Hirte.

Claudio von Wiese, heute 26 Jahre alt, war selbst viele Jahre lang computerspielsüchtig. Er berichtet von einem hohen Leidensdruck, den er während dieser Zeit erlebte: „Jeden Abend habe ich mir vorgenommen, am nächsten Tag nicht so viel zu spielen, doch am Morgen war mein erster Handgriff, der zum Einschaltknopf“, erzählt von Wiese, der heute als Sozialpädagoge arbeitet und zusammen mit dem BLLV Seminare anbietet, in denen Lehrer und Eltern über Computerspiele und ihr Suchtpotential informiert werden. Ein Schlüsselerlebnis, das zum Ausstieg geführt hat, hatte von Wiese nicht: „Ich hab einfach eine große Leere gespürt. Heute sind die Jahre, die ich vor dem PC verbracht habe, einfach verlorene Zeit. Als hätte ich sie nie erlebt“, berichtet er.

In München begeben sich derzeit noch wenige Betroffene in Behandlung. „Die Zielgruppe ist für uns im Moment noch schwer zu erreichen. Wir bekommen kaum Zugang zu den Menschen“, erklärt Sven Frisch, Therapeut in der Fachambulanz der Caritas für junge Suchtkranke (www.caritas-suchtambulanz.de). Derzeit sind dort nur fünf Betroffene in Behandlung, denen in Einzelgesprächen geholfen wird. „Wir versuchen den Patienten die Ambivalenz ihrer Handlungen aufzuzeigen sowie Alternativen anzubieten“, so Frisch. Auch Hirte bestätigt, dass es für Aussteiger wichtig ist, sich mit etwas Neuem zu beschäftigen: „Ein junger Mann hat mir geschrieben, dass er vor kurzem erstmals seit Jahren wieder seine Gitarre in die Hand genommen hat, die immer neben dem Computer stand. Das Gitarrespielen bereite ihm jetzt wieder richtig Spaß.“

Mehr Zulauf haben die Beratungsstellen von Angehörigen, die sich Sorgen um ihre Kinder, Enkel oder Partner machen. Erstmals wandten sich Angehörige vor rund zwei bis drei Jahren an die Ambulanz. Seit fast zwei Jahren gibt es auch die Beratungsstelle zur Computerspielsucht beim Verein Condrobs in Pasing (www.condrobs.de). Harald Preiss betreut dort momentan zwei Betroffene und vier Angehörige in Einzelgesprächen. Im Idealfall schafft es Preiss, die Betroffenen an einen Psychotherapeuten zu vermitteln, der dann die Behandlung fortsetzt. Eine stationäre Behandlung von Computerspielsüchtigen gibt es in München dagegen nicht. Hirte betreut zusammen mit seiner Frau ehrenamtlich eine Selbsthilfegruppe für Betroffene im Selbsthilfezentrum München (www.shz-muenchen.de), die sich seit dem Sommer einmal im Monat trifft. Momentan sind dort vier Männer in Behandlung. Auch Angehörige werden von Christine und Christoph Hirte seit eineinhalb Jahren in einer separaten Selbsthilfegruppe betreut.

Um Hilfe für die Betroffenen noch leichter zugänglich zu machen, arbeiten Hirte und seine Frau gerade an einem Netzwerk für Ratsuchende im Forum „Aktiv gegen Mediensucht“ (www.aktiv-gegen-mediensucht.de), in dem Institutionen und Anlaufstellen genannt werden und auch erklärt wird, was jeweils hinter den Hilfsangeboten steckt. Das Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt hat die Datenpflege seines Informationsportals für Suchtkranke mit dem Namen „midames – Münchner Informationssystem Drogen–Alkohol–Medikamente–Esstörungen–Sucht“ vor einem Jahr eingestellt.

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